Chabarowsk – die aufstrebende Amur-Metropole

Chabarowsk und das mit ebenfalls knapp 580.000 Einwohner gleich große Wladiwostok sind die beiden größten Städte im Russischen Fernen Osten (RFO) – jener Region, in der Sibirien schon von der Nähe zum Pazifischen Ozean geprägt ist.

Anders als die quirlige Hafenstadt Wladiwostok liegt Chabarowsk aber 700 Kilometer weiter nördlich – und im Landesinneren. Weite Wasserflächen gehören aber auch hier zum Stadtbild: Chabarowsk liegt auf dem hohen rechten Ufer des mächtigen Stroms Amur, unweit der Mündung des großen Nebenflusses Ussuri. Jenseits des Ussuri beginnt dann auch China, dessen Nordost-Zipfel sich bis auf etwa 25 Kilometer an Chabarowsk heranschiebt.

Sibirisch-ostasiatische Klima-Extreme

Das Klima in der Stadt ist gewöhnungsbedürftig: Es erscheint wie eine Mischung aus Sibiriens kalten und trockenen Wintern und den feuchten, schwülwarmen Sommern Ostasiens – kurzum: In beiden Jahreszeiten kann es bis zu 35 Grad kalt bzw. warm werden.

Chabarowsk ist Hauptstadt des „Gebietes Chabarowsk“ (Chabarowski kraj), das sich von der Stadt aus vor allem in Nordrichtung entlang des Amur-Unterlaufs und der Pazifikküste erstreckt. Die einzige andere Großstadt des Gebietes ist Komsomolsk-am-Amur, wo es eine große Flugzeugfabrik (Suchoi) und Werften gibt.

Chabarowsk ist zugleich seit 2002 auch Amtssitz des „Generalgouverneurs“ des russischen Fernen Ostens – wie man in Russland den Präsidentenbevollmächtigten für jeden der sieben den Regionen übergeordneten Föderationskreise scherzhaft nennt.

Wo die Transsib den Amur quert

Etwas außerhalb des Stadtzentrums führen zwei etwa 2,5 Kilometer lange Brücken über den Amur – eine alte Bahnbrücke von 1916 und eine neue kombinierte Bahn- und Straßenbrücke. Außerdem gibt es einen (aus militärischen Gründen errichteten) Eisenbahntunnel unter dem Strom. Die Brücken sind Teil der Transsib-Strecke bzw. der neuen Transsibirien-Straße.

Bis Moskau sind es von hier etwa 8.500 Kilometer. Der Luftweg ist 6.100 Kilometer lang – und die Zeitdifferenz zur russischen Hauptstadt beträgt plus sieben Stunden. Ähnlich lange sind Linienflugzeuge auch von und nach Moskau unterwegs.

Der Stadt kommt die Rolle der Haupt-Verkehrsdrehscheibe im Russischen Fernen Osten zu: Vom Flughafen gibt es einerseits viele Verbindungen in andere Städte des RFO, andererseits auch internationale Verbindungen nach Japan, China und Südkorea.

Per Bahn kann man von Chabarowsk entweder nach Westen über die Transsib fahren, nach Süden im Laufe einer Nachtfahrt nach Wladiwostok gelangen oder in Richtung Nordosten nach Komsomolsk und dann weiter zur Hafenstadt Sowjetskaja Gawan, von wo Fähren nach Sachalin verkehren. Neben Frachtschiffen verkehren auch Passagier-Schiffe im Linienverkehr auf dem Amur.

Bescheidene Anfänge als Militärposten im Nirgendwo

Chabarowsk ist eine junge Stadt: Als Militärposten Chabarowka wurde es 1858 gegründet – im gleichen Jahr hatten sich Russland und China im „Vertrag von Aigun“ auf den Amur bis zur Ussuri-Mündung als Grenzverlauf geeinigt. 1880 erhielt die Siedlung Stadtrecht – und 1893 wurde ihr dörflich klingender Name in Chabarowsk abgeändert. Namenspatron der Stadt ist übrigens der sibirische Kaufmann, Kolonist und Kommandeur Erofej Chabarow, der schon im 17. Jahrhundert als einer der ersten Russen den Amur erkundete.

Besondere urbane Errungenschaften waren in den Frühzeiten der Pioniersiedlung allerdings nicht zu erwarten: So beschreibt der Rheinländer Wilhelm Joest in seinem Buch „Aus Japan nach Deutschland durch Sibirien“ seine 1881 auf der Durchreise erhaltenen Eindrücke reichlich drastisch:

„Das frühere Kosakendorf ist auf drei Hügeln angelegt, die indes leider noch nicht durch passierbare Straßen miteinander verbunden sind, so dass sich zu Füßen der Hügel kleine Kotseen gebildet haben, die man in steter Gefahr, wenn nicht sein Leben, doch seine Stiefel lassen zu müssen, selten bei Tage, nie bei der Nacht passiert; auch die Häuser wären wohl längst die Hügel hinuntergerutscht, wenn sie nicht vorzögen, langsam aber sicher in die Erde zu versinken. … Ich muss gestehen, dass ich es nicht nur begreiflich finde, dass Trunksucht und Selbstmord hier häufig sind, sondern dass ich mich wundere, dass es nach einer winterlichen ‘Saison morte’ überhaupt noch Leute gibt, die nicht an Dilirium tremens leiden oder sich nicht aufgehängt haben.”

Zwei Blütephasen der Stadt

Gegen Ende der Zarenzeit blühte Chabarowsk als Verwaltungs- und Handelszentrum des „Priamur-Gebietes“ sowie durch den Bau der neuen nur über russisches Territorium führenden Transsib-Teilstrecke sichtlich auf: In der Innenstadt zeugen davon noch heute zahlreiche aufwändige und elegante Gebäude vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

Eines von ihnen ist das frühere Kaufhaus des in Wladiwostok und Hamburg beheimateten Handelshauses Kunst&Albers, das 1906 an der Hauptstraße der Stadt errichtet wurde. Heute beherbergt es das „Gastronom“ genannte führende Feinkostgeschäft der Stadt.

Und seit der Erhebung zum „Generalgouverneurs-Sitz“ in der Ära Putin hat Chabarowsk mit erstaunlichem Schwung den Grauschleier der sowjetischen Provinzialität abgeworfen. Das Stadtbild wurde enorm herausgeputzt und durch zahlreiche Neubauten ergänzt.

Trotz der riesigen Entfernung zu Europa wurde die aufstrebende Amur-Metropole vom Kreml im Mai 2009 zum Schauplatz eines EU-Russland-Gipfels bestimmt.

Sehenswürdigkeiten

Zum neuen Wahrzeichen Chabarowsk wurde die erst 2003 fertig gestellte Spaso-Preobrashenski-Kathedrale, deren Kuppeln 83 Meter hoch in den Himmel ragen. Nach der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale und der Petersburger Isaak-Kathedrale ist sie das drittgrößte orthodoxe Gotteshaus Russlands.

Das weitaus kleinere, ebenfalls über den Amur blickende Denkmal für den ersten General-Gouverneur des russischen Fernost-Gebietes, Nikolai Murawjow-Amurski, erscheint hingegen vielen Menschen in Russland auf Anhieb irgendwie vertraut: Es ist nämlich auch auf dem 2006 in Umlauf gebrachten 5000-Rubel-Schein abgebildet.

Das Gebiets-Heimatmuseum („krajewoi krajewedscheski musej“) verfügt über eine reiche Sammlung an Exponaten nicht nur zur russischen Gebietsgeschichte, sondern auch über die zahlreichen kleinen Urvölker der Region an Amur und Ussuri. Auch dieses Museum kann seit einigen Jahren mit einem Neubau glänzen, der zur Ergänzung des alten Museumsbaus errichtet wurde.

(Lothar Deeg/.rufo)

Kategorie: Allgemein, Aktualisiert am 15. November 2009 von Redaktion | Anmelden